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Musikalisches Niederschönhausen – kleine Friedenskirche mit großer Musik
In der Kantorei der evangelischen Kirchengemeinde der Friedenskirche am Ossietzkyplatz musizieren mehr als 300 Sänger und Instrumentalisten. Die Kirchenmusikerin Cornelia Ewald leitet die Kantorei selbst, den Konzertchor und den Bläserchor. Kirchenmusikdirektor Konrad Winkler, der das Musikgeschehen 1976 aufbaute, betreut heute, obwohl seit August 2008 eigentlich im Ruhestand, die Jugendkantorei, das Kinderorchester, und den Kammermusikkreis.

Herr Winkler, ein Konzertchor, die Jugendkantorei und die Kinderkantorei mit ihren Instrumentalensembles, der Bläserchor und nicht zuletzt ein Kammermusik-Ensemble unter dem Dach einer kleinen Kirche fast am Rande Berlins - ist Niederschönhausen, sind Ihre Gemeindemitglieder musikalischer als anderenorts?

Das weiß ich gar nicht genau. Wir sind sehr offen, die 350 Leute, die in den letzten Jahren bei mir Musik gemacht haben, stammen nicht alle aus Niederschönhausen. Es sind auch nicht nur Christen, denn es gab nie die Bedingung einer Religionszugehörigkeit. Wir singen bei allen unseren Gottesdiensten in der Kirche und so war die einzige Bedingung fürs Mitmachen bei uns, mindestens fünf Mal im Jahr auch zu unseren Gottesdiensten zu singen, mehr wurde nicht erwartet.

Sie haben den Konzertchor 1976 gegründet. Welche Erinnerungen an den Start vor fast 35 Jahren begleiten Sie noch heute?

Als ich damals aus Weißwasser gekommen war und hier meine Arbeit begann, war da nur eine kleine Gruppe älterer Leute, die sehr bescheidene Chormusik machen konnten. Aber in recht kurzer Zeit kamen auch junge Leute, und wenn erst mal ein paar da sind, kommen immer mehr nach. Wir haben dann sehr bald die ersten Oratorien aufführen können, bei denen ich noch Profis zur Begleitung dazugebeten hatte. Wir haben dann in kurzer Zeit große Teile des Repertoires kirchenmusikalischer Highlights erarbeitet - große Oratorien, große Bachkantaten, alle großen Messen von Mozart, Mendelssohn, Haydns „Schöpfung" und „Jahreszeiten", Beethovens Messen und noch viel mehr. So hatte sich aus dem kleinen Kirchenchor sehr bald der Konzertchor gebildet. Ein ganz gutes Blechbläser-Ensemble, das mit viel Freude und Einsatz bei der Sache war, hatte es damals auch schon vor meiner Zeit gegeben.

Wie aufgeschlossen waren Jugendliche, jüngere Leute in der DDR der Kirchenmusik gegenüber?

Ich hatte einige Jahre in der DDR eine Band geleitet. Die Bluesmessen sind nicht bloß in der Samariterkirche erfunden worden. Wir haben mit guten Leuten auch solche Musik gemacht und das hat vielen jungen Leuten Spaß bereitet. Das Faszinierende war, dass sie dann genauso gerne an den alten Meistern dran gewesen sind. Und in der DDR war es zum Teil eine gewisse Nische. Eltern, die ihre Kinder nicht mit Pionierblasorchester und den ganzen politischen Veranstaltungen vereinnahmen lassen wollten, waren dankbar für unsere Angebote, in denen es Freiraum von der Ideologie gab. Zum Ärger mancher staatlicher Musikschulen übrigens. Von dieser Seite gab es manchmal hinterhältige Angriffe. Manchmal haben mir Schüler berichtet, dass ihnen an der Oberschule gesagt worden war, dass sie dort keine Chance hätten, wenn sie weiter in der Kirche dabei blieben. Gott sei Dank haben sich wenige ins Bockshorn jagen lassen und viele unserer Jugendlichen sind später Profi-Musiker und gute Kollegen von mir geworden.

Kinder und Jugendliche kommen in ihr schwieriges Alter und ihre Interessen ändern sich. Computerspiele, Fußball und die Liebe, Hip-Hop, Rap und Tokio-Hotel-Sound werden zur Konkurrenz von Mozart, Mendelssohn, Haydn und auch von Konrad Winkler. Wie halten Sie Ihre jungen Leute bei der Stange?

Viele der Jugendlichen sind schon seit dem Vorschulalter und noch länger in den Gruppen dabei. Sie kennen mich als gütigen und manchmal auch strengen Lehrer. Dass sie allein schon die­se lange Zeit dabei geblieben sind, will schon etwas heißen. Wenn sie so lange freiwillig kommen, manchmal auch gegen gewissen Widerstand der Eltern, dann wächst da auch Menschliches, da entstehen Wärme und Zuneigung. Und dann mault man vielleicht über das eine oder andere Stück herum, das einem nicht gefällt, aber man macht mit und probiert es. Es geht um den Draht zueinander. Sie akzeptieren eine gewisse Autorität meinerseits, ohne dass ich die ausspielen muss. In der Jugendkantorei duzen wir uns auch.

Wer wählt das Repertoire aus, wer unterbreitet Vorschläge und wer entscheidet dann?

Die Musiker und auch ich unterbreiten Vorschläge. Es gibt immer wieder eine Menge von Leuten, die sagen, wir müssten dies oder das machen. Es gab immer wieder Zeiten, in denen sehr viele die Carmina Burana üben wollten, aber ich sagte dann, dass man dieses Stück an jeder Ecke hören kann. Lasst uns seltener vorkommende Stücke machen, etwas, das uns in der Kirchenmusik voranbringt. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, es ist schöne Musik. Oder sie fragen, ob wir nicht mal die Feuerwerksmusik von Händel machen könnten. Und dann sitze ich viele, viele Stunden und schreibe die Arrangements, weil die Jugendkantorei zufällig entstandene Strukturen hinsichtlich der Instrumente hat. Ich kann nicht wie bei einem Profi-Orchester sagen, ich will drei Geigen und zwei Trompeter haben. Sondern meine Musiker kommen mit dem, was sie können. Davon haben sie viel bei mir gelernt, und dann kommen Seiteneinsteiger dazu, zum Beispiel mit einem Saxofon. Dann arrangiere ich das und bearbeite die Feuerwerksmusik für eine entsprechende Besetzung zusätzlich zu den Streichern, den Flöten und den anderen Instrumenten. Anregungen also gibt es von vielen Seiten. Aber meine Aufgabe ist es ebenso, für meine Vorschläge zu begeistern. So wie für Friedrich Kiel, ein zu Unrecht vergessener Berliner Komponist des 19. Jahrhunderts, von dessen großen Oratorien wir im Laufe der Jahre fast alle aufgeführt haben. Der Dresdner Kreuzchor ist erst durch uns auf ihn aufmerksam geworden.

In Berlin haben Sie nicht nur Auftritte in der heimischen Friedenskirche ...

Dem Konzertchor wurde es in unserer kleinen Friedenskirche bald zu eng. Deshalb waren wir für viele Jahre in der Hoffnungskirche, einige Jahre in der Stephanus-Kirche in Wedding, eine zeitlang in der Bartholomäuskirche zu Gast. Aber auch hier war es oft zu klein für 50 und mehr Musiker, deshalb haben wir in den letzten Jahren in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg ein schönes Zuhause gefunden.

Sie treten aber auch bei vielen Konzert- und Gastspielreisen auf - wohin sind Sie mit Ihren Musikern unterwegs gewesen?

Wir fahren mit der Jugendkantorei in jedem Jahr woanders hin. Seit der Wende auch in die weite Welt. Im vergangenen Jahr sind wir in Schweden gewesen und in schönen Domen, Schlosskapellen und Rittersälen aufgetreten, so in Kalmar und im Stockholmer Dom. In Frankreich traten wir in der Kathedrale von Reims, in Paris in der berühmten Kirche La Madeleine und in Saint-Severin und in Lille im Lycée Saint Paul auf. Wir waren in den Benelux-Staaten unterwegs, allein drei Mal in Holland, waren in der Schweiz in etlichen schönen Kathedralen und Kirchen, in Tschechien, der Slowakei und in Polen. Hier haben wir vor zehn Jahren mit dem Orchester und dem Chor beim Kolberg Festival einen renommierten Preis gewonnen. Es gab eine sehr schöne Reise durch England, und wir sind natürlich auch in Deutschland viel unterwegs gewesen, im Brandenburger Dom, in Aachen, im Speyrer Dom und in sehr, sehr vielen anderen Orten. Vor der Wende sind wird in der DDR rauf und runter gefahren - auch mit großer Begeisterung. Die Kinder führen in jedem Jahr mindestens ein Musical auf. Mit Kinderorchesterbegleitung. Einmal im Jahr verreisen wir zu unserem Chorwochenende, auch meist mit einem Gottesdienst oder einem Konzert. An diesem Wochenende pflegen wir auch sehr die persönlichen Kontakte, die sonst bei 140 Leuten nicht immer gegeben sind, da gehen wir dann auch mal ein Bierchen miteinander trinken. Das sind auch sehr wichtige Dinge für das Miteinander. Aber es ist schwierig für solch einen großen Chor Räume und Gastspielorte zu finden. In diesem Sommer ist die Jugendkantorei in Deutschland unterwegs, wir treten in Liebenwalde, in der Klosterkirche Neuruppin, in St. Marien in Wittstock, in Gransee, in Gardelegen und in der St. Stephan-Kirche in Tangermünde und vielen weiteren Städten auf.

Wie werden die Arbeit und auch die Reisen finanziert?

Wir finanzieren das vor allen Dingen über das Eintrittsgeld bei den Konzerten. Bei den Chorwochenenden tragen die Teilnehmer die Kosten selbst. Die Reisekosten wären zu hoch, wenn Kirche oder Konzertsaal am Gastspielort nicht voll ist. Unsere großen Oratorien sind glücklicherweise so gut besucht, dass wir den Aufwand über den Eintrittspreis finanzieren können. Wenn es mal nicht ganz gereicht hat, gab es andere Konzerte, die das mitgetragen haben, weil alles gesammelt wird und dann beispielsweise dem Notenkauf dient. Es gibt auch begeisterte Menschen, die kräftig spenden, wenn es nötig ist. Gerade auch Eltern, die dankbar sind, dass ihre Kinder Freude an der Musik und in der Gruppe Freunde gefunden haben.

Wann und wo sind die Friedenskirchen-Ensembles in den kommenden Wochen und Monaten in Berlin zu erleben?

Mit einem Barockmusik-Konzert ist der Kammermusikkreis am 24. April in der Schlosskirche Buch, am 25. in der Friedenskirche und am 30. April in der Dorfkirche Schildow zu erleben. Am 29. Mai gibt der Bläserchor ein Konzert mit Werken von Georg Friedrich Händel bis Paul McCartney, ebenfalls in der Friedenskirche. Der Chor unter Leitung meiner Kollegin Cornelia Ewald ist hier am 19. Juni zu hören.

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